Bilderbuch · für Kinder von 9 bis 11 Jahren
Ein Vogel für Hannah
Auf der Veranda seines Holzhauses erzählt Zayde seiner Enkelin, was er nie erzählen wollte: von seiner Kindheit in Stuttgart, von seiner kleinen Schwester Hannah, von der Tischlerwerkstatt, in der er seinen ersten Vogel aus Lindenholz schnitzte, und von der Zeit, in der aus Nachbarn Fremde wurden. Ein Bilderbuch, das Kindern am Ende der Grundschulzeit vom Holocaust erzählt, ohne sie zu überwältigen.
Leseprobe
Mein Opa heißt Soel, aber ich nenne ihn Zayde. Das ist Jiddisch und heißt Opa. Zayde wollte nie wieder Deutsch sprechen. Er ist sehr alt, und er wohnt in einem weißen Holzhaus in Amerika. Vor dem Haus ist eine Veranda. Da steht sein Schaukelstuhl, und daneben steht ein kleiner Hocker. Der ist für mich.
Drinnen in der Küche backt Bubbe Kathy Strudel. Das ganze Haus riecht nach Äpfeln und Zimt. Wenn der Strudel fertig ist, bringt sie uns zwei Stücke auf die Veranda.
Wenn es Abend wird, setzen wir uns hin. Zayde schaukelt, und der Stuhl knarrt. Ich lehne meinen Kopf an seinen Arm. Die Grillen zirpen, und am Himmel kommen die ersten Sterne.
Zayde hat große Hände. Mit diesen Händen kann er alles aus Holz machen: einen Vogel, eine Kiste, sogar meinen Hocker.
„Zayde“, frage ich, „wo hast du das gelernt?“
Zayde hört auf zu schaukeln. Er schaut lange in den Garten.
„Das ist eine lange Geschichte“, sagt er. „Ein Teil davon ist schön, und ein anderer Teil ist sehr traurig. Willst du sie trotzdem hören?“
Ich nicke. Zayde nimmt meine Hand.
„Dann fange ich ganz vorne an. In einem Land, das weit weg ist. In Deutschland.“
Das Manuskript ist abgeschlossen. Verlage und Agenturen erreichen mich unter kontakt@juliasonnenwald.de.
© Julia Katharina Sonnenwald. Die Leseprobe darf nicht ohne Erlaubnis weiterverbreitet werden.